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Die asiatische Suppe

Der vorige Dienstag war wahrscheinlich der letzte richtige Sommertag in diesem Jahr. Ich bin deswegen an den See anstatt in die Bibliothek gegangen. Auf dem Rückweg wollte ich irgendwo zum Mittagessen einkehren. Vor einem asiatischen Schnellrestaurant stand ein Schild mit dem Tagesangebot. Es hörte sich lecker an und kostete nur vier Euro. Also habe ich mich reingesetzt und das Gericht bestellt. Es dauerte eine Weile, bis das asiatische Personal–allesamt kurzhaarige Thailänder oder Vietnamesen mit schnellrestauranttypischen Schürzen und Mützen–die Mahlzeit zubereitet hatte. Ich versuchte in der Zwischenzeit, den Lärm von der Baustelle draußen zu ignorieren und studierte die anderen Gerichte, deren Fotos auf Leuchttafeln an der Wand hingen. Auf der anderen Straßenseite war ebenfalls ein asiatisches Restaurant. Es hatte jedoch keine Fotos der Speisen. Da ich mir unter Namen wie Wong-Tong Suppe oder so nicht viel vorstellen kann, bin ich lieber in das auf dieser Straßenseite gegangen, dessen Fotos schon von weitem sichtbar waren. Endlich kam die Mahlzeit. Sie sah wirklich lecker aus; eine schneeweiße Reiskugel am Ufer einer Fleischsoße, welche auf der anderen Seite von einem Berg Salat flankiert wurde. Dazu gab es eine Schüssel Suppe und Stäbchen. Kein Besteck. Suppe und Stäbchen. Als weltoffener Mensch war ich stolz darauf, nicht erstaunt zu sein. Schließlich war ich vor kurzem bei James und dessen japanischer Frau zu Abend essen. Dort habe ich gelernt, dass man die Suppe direkt aus der kleinen Schüssel trinkt und sich ihre festen Bestandteile mit den Stäbchen in den Mund schaufelt. In der Ecke des Schnellrestaurants stand ein Wagen mit Besteck. Ich könnte mir einen Suppenlöffel holen. Doch das kam überhaupt nicht in Frage; ich war in einem asiatischen Restaurant, also würde ich wie ein echter Asiate speisen. Die Suppe war eine gelblich-klare Brühe mit einzelnen herumschwimmenden Gemüseteilen. Ich hob die Suppenschüssel zum Mund und nahm ein paar Schluck. Oh, die ist ja kalt. Und bitter. Und überhaupt–pfui Teufel, die ist ja richtig übel! Ich setzte die Schüssel kurz ab, um meine asiatischen Ambitionen nach einem strategischem Rückzug neu zu formieren. Ich würde mir nichts anmerken lassen. Schließlich habe ich vor einigen Jahren in Japan auch alles hinunterbekommen. Und das, obwohl ich rohen Fisch und alles, was damit zubereitet wurde, grauenvoll finde, und die Japaner anscheinend nur rohen Fisch kennen. Ich bin ein Samurai! Also nahm ich meine Stäbchenkatanas wieder in die eine Hand, die Schüssel in die andere, atmete kurz durch und nahm noch einen Schluck. O Gott! Es schmeckte noch übler als das erste Mal, wenn ich das auch nicht für möglich gehalten hätte. Ich schaute auf den signifikanten Rest in der Schüssel wie die Verteidiger von Minas Tirith auf die Horden anrückender Orks. Ich beschloss, mir vor der nächsten Schlacht einen Moment der Besinnung zu gönnen. Was stand nochmal genau auf dem Schild draußen? Sowas wie “Hühnerbrust auf Reis”, und darunter “und dazu…” wahrscheinlich irgendeine Suppe. Hm stand da Suppe? Das war doch… oh. Als mir schließlich wieder einfiel was da stand, setzte ich meine Pokermine auf, nahm die Schüssel und gab den Rest des Dressings über den trockenen Salat.