Amsterdam

In Amsterdam gibt es nicht wie bei uns Straßen, Fußgängerwege und ab und zu einen dünnen Fahrradweg, sondern es gibt mal Straßen, mal Kanäle, immer einen breiten Fahrradweg und ab und zu mal einen Fußgängerweg. Will man die Straße überqueren (nachdem man sich vergewissert hat, dass es wirklich eine Straße und nicht ein Kanal ist, was man im Dunkeln leicht mal verwechseln kann), so reicht es nicht, brav links und rechts nach Autos zu gucken. Die viel größere Gefahr geht von Fahrradfahrern aus; diese haben Vorrang, und sie fahren gnadenlos alles über den Haufen, was die Straße überqueren will. Schließlich sind sie ja im Recht und hinter einem harten Vorderrad. Die rücksichtsvolleren klingeln kurz, und fahren einen dann über den Haufen. Die Zebrastreifen gehen übrigens über die Straßen hinaus bis auf die Fahrradwege. Sie haben dort dieselbe Wirkung wie auf den Straßen. Nämlich keine.

Dass die Holländer so viel Fahrradfahren bedeutet nicht, dass sie ihre Fahrräder besonders schätzen und sich gut um sie kümmern. Auf dem Weg zum Bahnhof sah ich ein Parkhaus für Fahrräder. Ich habe noch nie so viele Räder auf einmal gesehen. Allerdings habe ich auch selten so viel Schrott auf einmal gesehen. Keines von ihnen sah besonders fahr-, geschweige denn verkehrstüchtig aus. Eine simple Lampe vorne hatten nur die wenigsten. Jedes einzelne von ihnen würde in Deutschland sofort aus dem Straßenverkehr gezogen werden. Man sollte meinen, dass wer so viel Fahrrad fährt, dies auch auf einem sicheren und bequemen Untersatz zu tun pflegt. Ich habe erst später erfahren, warum sich die Holländer lieber auf rostige Drahtgestelle setzen.

Vorher musste ich allerdings erst mal ein unangenehmes Erlebnis verarbeiten. Ich sah eine mir entgegenkommende junge Frau an. Daraufhin guckte sie weg und schüttelte sich—das war nicht gerade der Höhepunkt meines Tages. Ich versuchte mir einzureden, dass sie zufällig an etwas anderes gedacht hat, etwa an das typische holländische Essen. Aber irgendwie konnte ich mich selbst nicht so richtig davon überzeugen. Außerdem ist es sowieso taktlos, in einem Moment, in dem man interessiert von einem Vertreter des andern Geschlechts angesehen wird, an Essen zu denken, insbesondere holländisches. Also beschloss ich, mich an der Amsterdamer Frauenwelt zu rächen, indem ich, sobald mich eine Frau schmachtend anschaut, an die Kantinenmahlzeit zurückdenken würde, die ich vor einigen Jahren im unweit gelegenen Hengelo vorgesetzt bekam. Falls es während meines Aufenthaltes in Amsterdam wider Erwarten nicht zu solch einer Gelegenheit kommen sollte, würde ich mich mit der Feststellung trösten, dass holländische Frauen zwar groß sind, aber was Männer angeht einen ausgesprochen schlechten Geschmack haben. Außerdem sehen sie eh nicht gut aus.

Tatsächlich war die erste wirklich hübsche Frau, der ich an diesem Tag begegnet bin, eine ausländische Touristin. Wir nahmen beide an einer dreistündigen Wanderführung durch Amsterdam teil. Die Führung war kostenlos; natürlich wurde erwartet, dem Leiter am Schluss ein Trinkgeld zukommen zu lassen. Es bedeutete aber, dass dieser sich besonders viel Mühe gab. Die Führung war definitiv das beste an Amsterdam. Der Leiter Cameron erzählte mit viel Engagement allerlei Interessantes. Als erstes erfuhren wir, dass die Amsterdamer früher keine Nachnamen hatten. Erst als Napoleon das Land eroberte, musste sich jeder von einem Tag auf den anderen einen Nachnamen ausdenken und ihn registrieren. Viele dachten, die Besatzung sei nur kurzfristig und danach werde alles beim alten sein. Also wetteiferten sie miteinander, wer den lächerlichsten Nachnamen registrierte. ‘König’ und ‘Kaiser’ waren da noch harmlos. Einige nannten sich „Hatkeinehosenan“ oder „Schamhaar“. Die registrierten Nachnamen wurden nie revidiert. Ein guter Weg, das Eis in einer Konversation mit einem Holländer zu brechen ist, ihn nach seinem Nachnamen zu fragen.

Cameron verriet uns auch den Grund, warum alle Häuser in der Altstadt so schmal sind; die Steuer hing früher von der Hausbreite ab. Die Amsterdamer bauten deswegen alles auf möglichst kleinem Raum. Die Treppen sind so steil, dass man sie auf allen Vieren hochgehen muss, wenn man einen Rucksack trägt. Ein- und Ausziehen mit großen Möbeln ist so natürlich kaum möglich. Deswegen haben fast alle Häuser einen zur Straßenseite hervorstehenden Balken an der Dachspitze, an dem eine Metallöse befestigt ist. Durch diese kann man ein Seil führen und damit die Möbel zu den großen Fenstern auf den verschiedenen Stockwerken ziehen. Da die Möbel bei Wind stark hin-und her schwangen und gegen die Wände zu schlagen drohten, wurden viele Häuser nach vorne geneigt gebaut, was sehr an den schiefen Turm von Pisa erinnert. Als er das erzählte, wunderte ich mich, wieso sie nicht einfach den Balken länger gemacht haben. Dann sagte er „Jahre später kam ein schlauer Mensch auf die Idee, dass man die Häuser nicht schief bauen muss, wenn man statt dessen einfach nur den Balken länger macht.“ Ich war unheimlich stolz auf mich. Bestimmt hätte ich es damals weit gebracht. Vielleicht hätte ich mir sogar ein Haus leisten können, welches so breit ist, dass man das Bett parallel zur Straße aufstellen könnte.

Natürlich erzählte er uns auch etwas über die weltberühmten Kaffeehäuser. Dort wird noch heute mehr oder weniger legal Marihuanna geraucht. Damit werben darf man allerdings nicht. Die Lokalitäten nennen sich deswegen auch Coffee Shops. Will man tatsächlich einen Kaffee trinken, muss man in ein CoffeeHouse gehen.

In vielen Ecken der Altstadt sieht man seltsame Blechkonstruktionen. Dabei handelt es sich um Anti-urinale. Die betrunkenen und bekifften Amsterdamer und Touristen hielten es nämlich oft nicht bis zur nächsten Toilette aus. Die Stadt hat deswegen die Universität beauftragt, sich was auszudenken, um schattige Plätzchen vor unwillkommener Bewässerung zu schützen. Die Bleche waren speziell geformt, um aus einer bestimmten Höhe ankommende Flüssigkeitsstrahlen zurückzureflektieren. Cameron verriet uns, dass einige Anwohner die Bleche früher sogar unter Strom gesetzt haben und dann durchs Fenster die Show genossen, wenn ihnen wieder ein Betrunkener in die Falle ging. Heute ist das Elektrifizieren harmloser Männeken-Piss verboten. Die Bleche selbst schrecken kaum jemanden ab, denn vor fast jedem gab es eine Pfütze. Anscheinend wetteifern viele darum, wer am wenigsten nass wird.

Von Cameron erfuhr ich, warum die Amsterdamer so schlechte Fahrräder fuhren: Fahrradklau ist das zweithäufigste Delikt in Amsterdam, gleich nach Taschendiebstahl. Neuzugezogene, die sich anfangs ein schönes teures Fahrrad kaufen, werden schnell eines Besseren belehrt, wenn das gute Stück schon nach wenigen Tagen weg ist. Ein neues Fahrrad ist schnell organisiert: man stellt sich vor die Universitätsbibliothek, ein Fahrradschloss deutlich sichtbar in der Hand. Früher oder später wird man von einem Drogenabhängigen angesprochen. Der bietet an, für ein paar Euro ein Fahrrad zu stehlen. Man kann ihm sogar seine Wunschfarbe nennen. Schon nach kurzer Zeit ist er mit einem Rad in der gewünschten Farbe zurück. Mit fünf Euro ist dieser Service sogar noch billiger als das Reparieren eines Platten, weswegen viele Amsterdamer platte Räder einfach stehen lassen und zur Universitätsbibliothek gehen. Die verlassenen Drahtgestelle werden dann von Aufräumtrupps entsorgt: sie werfen sie im hohen Bogen in die Kanäle, im Wettstreit, wer den größten Platscher erzeugt. Jedes Jahr fischen spezielle Reinigungsschiffe Tausende Fahrräder aus den Amsterdamer Kanälen.

Wir haben von Cameron auch ein paar Worte Holländisch gelernt. Hallo heißt „Hoi“. Fühlt man sich pudelwohl, sagt man „hhesellihh“. Das hh wird dabei mit einem Kehllaut ausgesprochen, als wäre man ein halbstarker Jugendlicher und würde Spuke hochziehen, um sie dann auf den Bürgersteig zu katapultieren. Lernt man jemanden kennen, von dem man besonders angetan ist, so sagt man „lekeling“ oder so ähnlich. Ich schaute die hübsche ausländische Touristin an und überlegte, wie ich sie mit meinen neu erworbenen Holländischkenntnissen beeindrucken konnte. Vielleicht mit “Ahoi, du Leckerding. Wie ich deinem Bewegungsmuster relativ zu den anderen Gruppenteilnehmern entnehme, bist auch du ein freies Radikal. Wollen wir uns Amsterdam zusammen ansehen? Das wäre bestimmt sehr gesellig.” Ich tat es aber doch nicht. Vielleicht war sie ja schüchtern und wollte nicht angesprochen werden.

Zum Schluss verteilte der Leiter Rabattgutscheine für eine Fahrradtour. Die Wanderführung war richtig gut, eventuell würde sich also auch die Fahrradtour lohnen. Morgen hatte ich noch einen freien Tag, da könnte ich die Tour machen. Andererseits könnte das stressig werden. Leckerding nahm einen der Rabattscheine. Vielleicht hat sie morgen ebenfalls einen freien Tag. Ich nahm auch einen Schein. Morgen würde ich ausländische Fußgänger, die achtlos auf den Fahrradweg treten, über den Haufen fahren. Bei solchen, die mir sympathisch sind, klingele ich vorher.

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